Für Kartoffelpuffer sei es zwar noch etwas früh, sagt Roland Koch, als er um kurz nach halb zehn das Potsdamer Einkaufszentrum betritt – aber man müsse die Leute ja auch herausfordern. Der Brattfettgeruch bestätigt die Einschätzung des hessischen Ministerpräsidenten, der jetzt die Potsdamer CDU-Spitzenkandidatin Katherina Reiche begrüßt, sich seines Jacketts entledigt und eine weiße Schürze umbindet.
Die beiden Politiker werden nun eine Stunde lang vor dem Eingang der REWE-Filiale Kartoffelpuffer braten, die zwei Induktionskochplatten „mit automatischer Topferkennung“ heizen schon, eine für Frau Reiche, eine für Herrn Koch. 30 Cent kostet so ein CDU-Puffer, der Erlös wird für den Wiederaufbau der Garnisonkirche gespendet. Der gute Nebenzweck so eines guten Zwecks ist es natürlich, Bürgernähe-Verrenkungen im Wahlkampf etwas weniger bizarr, oder zumindest auch nützlich erscheinen zu lassen.
Roland Koch schöpft eine Kelle Pufferteig ins zischende Fett und ruckelt fachmännisch an der Pfanne. Die Fotografen lauern schon, denn der spannendste Moment dieses insgesamt ja eher mäßig aufregenden Termins ist natürlich das zur beidseitigen Pufferbräunung nötige Wendemanöver: Wird Koch es wagen, den Puffer in die Luft zu schleudern? Wird er ihn dann mit der Pfanne auch wieder auffangen? Wäre ja so oder so ein tolles Foto.
Mit einem Bratwender zerteilt Koch den halbgaren Puffer in zwei Hälften, dreht sie mit diesem Hilfsgerät auch um, ab dem dritten Puffer, dann traut er sich, hebt die Pfanne mit einem Ruck, der Puffer fliegt hoch, dreht sich im Flug – und landet unversehrt auf der richtigen, also der noch ungebratenen Seite wieder in der Pfanne.
Fast hätte man applaudiert, aber das vielfache Kameraklicken ist ja für Politiker auch eine Art Applaus.
Apfelmus, Zimt und Zucker stehen zur individuellen Verfeinerung bereit, die ersten Bürger stoßen Plastikgabeln in die Puffer. Doch, schmeckt, sagen sie. Manche zahlen auch mehr als 30 Cent, es ist ja für einen guten Zweck. Eine ältere Dame aber ist etwas erbost, dass man jetzt nicht mal mehr vor der Wahl Geschenke von Politikern bekommt. Koch: „Ist nicht für uns, das Geld, ist für die Garnisonkirche!“ Für die schon gar nicht, sagt die ältere Dame, da fließe sowieso zu viel Geld hin. Ein Passant, der sich kurz zuvor eine Roland-Koch-Biografie hat signieren lassen, empfiehlt ihr, dann doch besser auf den Marktplatz zur Linkspartei zu gehen, da gebe es „Bratwurst umsonst“. Beifallheischend schaut er zu Koch, doch der muss gerade einen Puffer auffangen.
Um diese Zeit ist das Einkaufszentrum nicht gerade übervölkert, die Fotografen haben ihre Bilder beisammen, Roland Koch pinselt neues Fett in die Pfanne, hat jetzt eine gewisse Routine entwickelt, Gelegenheit also, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Zwei REWE-Verkäuferinnen, die frühmorgens die 20 Kilogramm Kartoffeln geschält haben, die Reiche und Koch nun zu Puffern braten, stehen – ebenfalls weiß beschürzt – neben Koch, also spricht er mit denen, ganz locker, von Mensch zu Mensch. Es ist für den Beobachter immer schwer zu entscheiden, wer sich bei diesen um Normalität innerhalb der totalen Künstlichkeit ringenden Gespräche unwohler fühlt, der Bürger oder der Politiker, beide Seiten bemühen sich so sehr bei dieser in Worte gegossenen Demonstration der Sprachlosigkeit zwischen Volk und dessen Vertretern, dass man lieber betreten zur Seite schaut.
Sie arbeiten hier?, eröffnet Koch.
Ja.
Mhm – wie lange schon?
Seit viereinhalb Jahren.
Und Ausbildung gemacht, hier bei REWE?
Ja.
Koch schaut sich um und sieht: Brillenbär Discount-Depot, Reno, kik, Rossmann, einen Münzfernsprecher und einen Geldautomaten. „Ist ein schönes Einkaufszentrum“, sagt er, lädt einen weiteren Puffer auf einen Pappteller und fragt die beiden Verkäuferinnen, ob sie gern kochen.
Joah, geht so.
Er selbst, erzählt Koch, stehe in der Küche, wann immer er Zeit finde, was natürlich nicht allzu oft der Fall sei, „aber am Wochenende und an Feiertagen regelmäßig“.
Schweigen.
Dann ruft Koch: „Wem können wir denn hier noch was Gutes tun, sonst werden die Dinger kalt!“
Eine Frau bremst ihren Einkaufswagen und zeigt auf ihre krückengestützt hinterdreinhumpelnde Mutter: „Herr Koch, am Sonntag hat die Oma Geburtstag, und da geht sie auch wählen.“
Aus dem Einkaufswagen ragen Tiefkühltorte und Blumen.
„Na, das ist doch sehr schön“, gratuliert Koch, „haben Sie denn auch schon einen Kartoffelpuffer probiert?“
Dann lässt er wieder die Puffer durch die Luft fliegen. Mit so kleinen Pfannen komme er ganz gut zurecht, sagt Koch, der heute alle hochgeworfenen Puffer auch wieder auffängt – „je größer die Pfanne, desto größer das Risiko.“
Eine Regel, die auch auf Kochs politische Karriere anwendbar scheint, in der ja manches in die Pfanne gehauen wurde und danebenging. Ein begeistert kauender Herr macht Koch jetzt das für häufig im Fernsehen auftretende Menschen zwiespältige Kompliment, er wirke „in echt“ viel sympathischer. Koch nickend: „Deshalb fahren wir ja auch so viel durchs Land.“
Warum überhaupt Kartoffelpuffer? Na, Brandenburger Kartoffeln!, ruft Katherina Reiche. Sie braten jetzt die letzten Puffer, über 200 Euro sind angeblich zusammengekommen – und erst jetzt fällt einem auf, dass nirgends hier ein CDU-Plakat hängt und weder Broschüren ausliegen noch mit Parteilogo bedruckte Luftballons oder Kugelschreiber verteilt werden. Guten Zweck und platte Parteiwerbung wolle man bewusst nicht verknüpfen, sagt Koch und wischt sich die Hände an der Schürze ab. Natürlich gehe es so kurz vor der Wahl um Aufmerksamkeit, aber man dürfe als Politiker von bürgerlichem Engagement nicht immer nur reden, man müsse es auch praktizieren – und außerdem: „Ich bin hoffentlich CDU-Werbematerial genug!“ (Benjamin von Stuckrad-Barre)
Roland Koch, Rewe-Chef Siegfried Grube, Katherina Reiche