Mit einer feierlichen Umbenennung des Zimmerplatzes in Köhlerplatz ist gestern der Ermordung des früheren CDU-Politikers und Potsdamer Bürgermeisters Erwin Köhler und seiner Frau Charlotte im Jahre 1951 in Moskau gedacht worden. Oberbürgermeister Jann Jakobs mahnte, demokratische Rechte müssten erkämpft und verteidigt, Geschichtsschreibung dürfe nicht abgeschlossen werden. Ein Schlussstrich sei nicht möglich, sagte er bei der Zeremonie in strömendem Regen. Dem schloss sich Köhlers ältester Enkel Erwin Köhler an, der mit neun weiteren Nachfahren des Ermordeten gekommen war und eine Rekonstruktion der dramatischen Ereignisse von 1950/51 gab.
Sein Großvater habe die Weimarer Republik zwischen 1918 und dem Machtantritt der Nazis 1933 als ersten Demokratieversuch erlebt, sagte er, sich bis zum Kriegsende aber politisch still verhalten. Am 27. Oktober 1945 wurde in Potsdam die CDU wiedergegründet; Erwin Köhler und seine Frau Charlotte traten ihr am 2. November bei. Köhlers Engagement führte dazu, dass er im April 1946 Kreisvorsitzender der Partei und geschäftsführendes Mitglied des Landesvorstands wurde. Von Januar bis Dezember 1946 war er ehrenamtlicher Stadtrat in Potsdam und wurde bei den Kommunalwahlen im Oktober Bürgermeister. Wegen Repressalien gab er das Amt am 2. März 1950 auf. Schon seit Februar 1949 hatte es kommunistisch gelenkte Gewaltakte und Pressekampagnen gegen die CDU gegeben, die selber uneins war, ob man auf den SED-Gleichschaltungskurs einschwenken oder ihm entgegen treten sollte. Köhler war gegen die Vereinnahmung der CDU als Blockpartei und wurde von dem KGB-Geheimdienstspitzel Hermann Gerigk aus dem Amt als Kreisvorsitzender gedrängt. Es folgte eine Kampagne gegen Stadtbaurat Heinrich Richard, der einen Bagger illegal nach West-Berlin verkauft haben sollte, dazu aber von den Stadtverordneten ermächtigt war. Köhler wurde als Komplize des dann geflohenen Richard verleumdet; der Spitzel in der CDU empfahl seine Verhaftung. Der Geheimdienst K 5, ein Vorläufer der Staatssicherheit, schlug am frühen Morgen des 28. März 1950 zu, arretierte Köhler, seine Frau Charlotte und die damals 17-jährige Tochter Ursula, die man später wieder frei ließ. Das Paar wurde im Gefängnis an der Lindenstraße gefoltert durch Schlafentzug von bis zu sechs Tagen und Stehen bis zum Hals in eiskaltem Wasser. Charlotte „gestand“, sie habe die Sowjetunion mit dem Nazi-Faschismus gleichgesetzt und die Sowjet-Führer mit Hitler.
Den Vorwurf der Spionage für den französischen Geheimdienst ließ das sowjetische Militärtribunal beim Prozess vom 1. bis 3. Dezember zwar fallen, doch die Beschuldigung „konterrevolutionären Agitation und Propaganda“ wog schwer genug für eine Deportation ins berüchtigte Moskauer Botyrka-Gefängnis, wo damals täglich bis zu 400 Regime-Gegner erschossen worden sein sollen. Erwin Köhler wurde nach Angaben seines Enkels am 21. Februar 1951 erschossen, Charlotte am 10. April. Er war 49, sie 43 erst Jahre alt.
Die Potsdamer CDU-Kreisvorsitzende Katherina Reiche hat Köhler als „Kämpfer für die Demokratie in schweren Zeiten“ und „leuchtendes Beispiel“ gewürdigt. (Von Rainer Schüler)