Miteinander reden, davon sprach Erika Steinbach an diesem Abend wiederholt. Doch der Weg dahin erscheint lang und in manchen Fällen sogar unüberwindbar.
Vor mehr als 120 Teilnehmern referierte die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, zum Thema „60 Jahre Demokratie – Von der Vertreibung zur Versöhnung“ am Donnerstagabend im Potsdamer Restaurant Le Manége. Sie war einer Einladung der Stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und Kreisvorsitzenden der CDU Potsdam, Katherina Reiche, gefolgt. Die Einführung übernahm der Landesvorsitzende der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung und Landtagskandidat zur Europawahl Jesko von Samson. Der Vortrag fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Mein Potsdam“ des CDU Kreisverbandes der Landeshauptstadt statt.
Im Mai vergangenen Jahres war Erika Steinbach schon einmal nach Potsdam gekommen, um an der Universität zum Auftakt einer Vortragsreihe zur „Siedlungsgeschichte der Deutschen in Ostmitteleuropa“ zu sprechen. Doch Proteste von linksalternativen Jugendlichen hatten den Auftritt der umstrittenen Politikerin verhindert. Steinbach werden wegen ihres Einsatzes für die deutschen Heimatvertriebenen immer wieder revisionistischen Positionen und Relativierung der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg vorgeworfen.
Zu Protesten kam es auch am Donnerstag vor dem Eingang zum Kutschstall am Neuen Markt. Ein große Wagenladung Mist wurde dort ausgekippt, linksalternative Jugendliche beschimpften Gäste des Vortrags und versuchten, anwesende Polizisten aus der Reserve zu locken.
Erika Steinbach kam durch einen Hintereingang und wurde nur mit der Hasstirade einer jungen Frau konfrontiert, die wiederholt brüllte: „Sie sind ein Nazi“. Das klang weniger nach Protest, als nach Schreitherapie. Die CDU–Politikerin reagierte mit ihrem bekannten versteinert-maskenhaften Gesichtsausdruck und betrat mit ruhigen Schritten den gut besuchten Saal im Restaurant „le manege“.
Hier sprach Erika Steinbach über die Problematik der etwa 15 Millionen deutschen Vertriebenen, die noch immer keinen festen Platz im historischen Gedächtnis dieses Landes haben. Sie sprach von einem versöhnten Europa, das sie wolle und das alle brauchen. Ein versöhntes Europa, für das die deutschen Heimatvertriebenen die besten Botschafter seien, denn schon in ihrer Charta von 1950 hatten sich die Vertriebenen für Aussöhnung und gegen Rache und Vergeltung ausgesprochen. Sie zitierte den Schriftsteller Günter Grass, für den nur dann eine historische Versöhnung möglich sei, wenn auf jeder Seite die finsteren Kapitel in der eigenen Geschichte angesprochen werden. „Wir müssen uns gegenseitig unsere Schmerzen erzählen, dürfen nichts verschweigen“, sagte Steinbach.
Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen war klar und überzeugend in ihrer Argumentation. Da war nichts von Relativierungen oder revisionistischen Positionen zu hören. Im Gegenteil, Erika Steinbach zeigte im Gegensatz zu manchem Gast sogar Verständnis für die jüngsten Erregungen von polnischer Seite, die dazu geführten haben, dass sie auf einen Platz im Rat der von ihr gegründeten und vorangetriebenen Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ verzichtet hat.
In bestimmten Kreisen Polens gilt Steinbach als persona non grata. Diese Missverständnisse über ihre Person, ihre Haltungen, seien nur durch einen gemeinsamen Dialog zu beseitigen, sagte Steinbach. Weil es ihr um die Sache der Vertriebenen gehe und nicht um persönliche Befindlichkeiten, habe sie auf ihren Platz im Stiftungsrat verzichtet.
Erika Steinbach, so viel zeigte der Abend, ist ein unbequemer Mensch, der sich mit Beharrlichkeit für das oft noch verschwiegene Schicksal der Vertriebenen einsetzt und dafür auch zahlreiche persönliche Beleidigungen in Kauf nimmt. Viele der Besucher sprachen ihr an diesem Abend ihren Respekt dafür aus.
Und doch wollte sich ein gewisser Beigeschmack nicht legen. Denn auch wenn die Ursache für die Vertreibung der Deutschen jedem im Raum bekannt sein muss, hätte man sich von Erika Steinbach wenigstens einen Satz der Einordnung gewünscht. Nur einmal fiel das Wort „Zweiter Weltkrieg“, und das nur in einem Zitat der Bundeskanzlerin. Und warum reagierte niemand, als ein etwa 50-Jähriger, dessen Eltern vertrieben wurden, davon sprach, dass er die fehlenden Gebiete sehr wohl als Verlust empfinde und es als Zeichen von Versöhnung ansieht, wenn bei einem Spaziergang am polnischen Strand polnische Kinder mit seinem Schäferhund spielen?
Doch diesen bitteren Beigeschmack hatte man auch bei der Demonstration vor dem Kutschstall, wo knapp 20-Jährige einen 83-Jährigen lautstark als „Nazi“ und „Scheiße“ beschimpften. Derselbe Mann berichtete später im Saal, dass er seit über 20 Jahren regelmäßig seine polnische Geburtsstadt besuche und mit den Einheimischen in herzlicher Freundschaft verbunden ist. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit sammle er Kleidung und Speisen für ein Heim für bedürftige polnische Senioren in seiner Geburtsstadt. Kein Wort von Verlust oder Wiedergutmachung. Versöhnung ist für ihn kein Wort, sondern persönliche Selbstverständlichkeit. Es muss vor allem in unserem Land noch sehr, sehr viel geredet werden.