In Gorleben soll endlich weiter die Eignung als Endlager geprüft werden
GORLEBEN - Tief unter der Erde ist es friedlich. 840 Meter ist der Fahrkorb in die Tiefe gerauscht, dass es in den Ohren knackt. Hallenhohe Gänge liegen im Dämmerlicht der Grubenbeleuchtung: Gorleben unter Tage. Reizwort für jeden Atomkraftgegner, Frontlinie jener Kernkraftschlacht, die seit mehr als dreißig Jahren die Bundesrepublik erschüttert. Seit im Jahre 2000 der grüne Umweltminister Jürgen Trittin die Erkundung stoppen ließ, herrscht in den staubigen Gängen des Salzstocks meistens Stille.
Die eigentliche Schlacht um das mögliche Endlager für hochradioaktiven Restmüll tobt überirdisch. Auf den Schreibtischen von Ministerien und Parteien wird er ausgetragen mit Verfügungen, Gutachten, Stellungnahmen und vor allem viel Emotionen. Katherina Reiche, Potsdamer Vize-Chefin der Unionsfraktion im Bundestag und für Energiefragen zuständig, stapft im roten Overall durch den Salzstaub und will vor allem eines: dass die Erkundung in Gorleben „ergebnisoffen“ weitergeht.
Dass der Abfall aus den deutschen Kernkraftwerken irgendwo hin muss, ist unstrittig, dass Salz ein gutes Wirtsgestein für ein Endlager sein kann, auch. Strittig ist, ob weiter nach möglichen anderen Orten für die finale Strahlenhalde gesucht werden soll. Ton, sagen Wissenschaftler, käme eventuell noch in Betracht. Größere Vorkommen liegen in Bayern und Baden-Württemberg.
In Gorleben haben sie ein 500 mal 700 Meter großes Tunnel-Geviert in den Salzstock getrieben, haben die umliegenden Schichten mit Radarsonden vermessen und vor allem die angrenzenden Schichten aus Anhydrit-Gestein erforscht, durch die im schlimmsten Falle Wasser in das Atomgrab dringen könnte. Um tatsächlich andere Standorte vergleichen zu können, müssten sie mindestens ebenso penibel durchforscht werden. Das dürfte Jahrzehnte dauern.
„Das Moratorium muss fallen“, sagt Katherina Reiche. „Die Erkundung muss endlich weitergehen.“ Eine drei- bis zehnjährige Denkpause hatte Trittin im Jahr 2000 verhängt, seitdem darf in Gorleben nicht weiter untersucht werden. Wenn dieses Moratorium im kommenden Jahr ausläuft und die Forschungen wieder aufgenommen werden, könnte die Sicherheitsanalyse 2021 abgeschlossen sein. 2026, so das sehr optimistische Szenario, könnte das Planfeststellungsverfahren beginnen, die tatsächliche Einlagerung würde dann zwischen 2035 und 2040 starten. Wer keine Alternativen prüft, sagen die Gorleben-Gegner, kann gar nicht wissen, ob der Salzstock im Wendland wirklich die sicherste Lösung ist.
Gerade erst hat Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die Sicherheitsanforderungen für ein mögliches Endlager drastisch verschärft: Mindestens eine Million Jahre soll es sicher sein, und die Behälter für den nuklearen Abfall sollen 500 Jahre sicher und notfalls rückholbar sein. Der Niedersachse Gabriel, so wittern die Atomkraft-Freunde, will das Endlager in Niedersachsen behindern.
Für die Union und ihre Energiepolitikerin Reiche ist all das ein heikles Thema. Einige Kilometer südlich läuft gerade Wasser in das einsturzgefährdete Zwischenlager Asse, das zwar mit Gorleben nicht zu vergleichen ist, aber das lässt sich in einem Klima verbreiteter Atomangst kaum erklären. Die Union will die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängern. Das wird man im Wahlkampf nicht eigens aus dem Fenster hängen, aber verleugnen kann man es auch nicht. „Energie muss bezahlbar, sicher und umweltfreundlich sein“, sagt Reiche diplomatisch. Das klingt viel besser. Wer könnte dazu schon „nein“ sagen. (Von Ralf Schuler)
Die Teilnehmer der Erkundungsfahrt nach Gorleben